Koloniale Geschichtsbilder und Games – Interview, NDR Kultur
In einem telefonischen Interview sprach ich mit dem Redakteur Christoph Höland für NDR Kultur. Mein Beitrag zu dem Fünfminüter ist hier online nachzuhören (verfügbar bis 12.5.2027). Wir sprachen anlässlich der Göttinger Ausstellung „Pixelgedächtnis“ über koloniale Geschichtsbilder in digitalen Spielen und ihre hartnäckigen Auswirkungen darauf, wie wir die außereuropäische Welt wahrnehmen – und uns selbst als Europäer.
Zur Ausstellung in Göttingen äußert sich Kuratorin Lisa Binder vom Arbeitskreis Kritisches Gaming in dem Beitrag. Sie präsentierte auf dem Play Forward Festival vom 7.-10. Mai viele Beispiele unter dem Titel „Pixelgedächtnis: Wie Spiele Erinnerungskultur formen“. Mit Denk_Mal Game entsteht zudem ein konkretes Spiel aus diesem Arbeitskreis, das zu einem realen Ereignis in Göttingen die Erinnerungskultur und kolonialen Widerstand in Deutschland behandelt. Sie zeigte sich erfreut, wie aufgeschlossen interessierte Spielerinnen und Spieler über die Ausstellung mit ihr ins Gespräch kommen.
Im ursprünglich sehr viel längeren Telefonat mit mir ging es um Beispiele für digitale Spiele, die in Teilen auch in der Ausstellung zu sehen sind. Der fertige Beitrag bekam letztlich eine etwas kritische Note, weil er wie so häufig doch wieder die Frage nach der „Korrektheit“ digitaler Spiele in den Mittelpunkt stellt. Im wissenschaftlichen Sinne kann kein Medium diesen Anspruch erfüllen, doch selbst eine wissenschaftliche Dissertation beschränkt sich auf bestimmte Elemente und Prozesse von Geschichte. Deshalb sprach ich mit dem Redakteur ausführlich besonders über die speziellen Eigenschaften des Mediums digitaler Spiele. Für Prozesse, Entscheidungen und Alternativen von Geschichte können sie sogar einige Aspekte von Geschichte besonders gut umsetzen.
In den begrenzten Raum des Beitrags schafften es zwei O-Töne: Ich äußerte mich zur Wirkung auf die gegenwartliche Einordnung der Welt, wenn etwa im kolonialen Wirtschaftsaufbauspiel Anno 1800 relevante Aspekte ausgelassen werden. Wie tief die Tragweite erinnerungskultureller Vorstellungen reicht, zeigte zweitens das Beispiel von Assasssin’s Creed Odyssey. 2018 setzte es wissenschaftliche Erkenntnisse über eine bunte, farbenfrohe griechische Antike beeindruckend um. Seit den achtziger Jahren ist bekannt, dass sich die griechisch-römische Welt nicht von anderen bunten Weltregionen wie etwa Indien oder Zentralafrika abhebt. Allein der koloniale europäische Blick hält sich beharrlich, dass die griechisch-römische Antike weißer, marmorner und dadurch edler und erhabener sei. Was Filmen oder auch musealen Ausstellungen nur zögerlich gelingt, verändert so durch ein Spiel den Blick auf die Geschichte.
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