Projekt

„Different Tracks“ am Hannoverschen Bahnhof – Beirat, Hamburg/Kiel

Für den Gedenkort „Hannoverscher Bahnhof“ entsteht ein digitales Spiel, das an die vielen durch Deportation und Gräuel vernichteten Existenzen erinnern soll. Ich freue mich sehr, dass mich die Entwickler:innen in den Beirat für „Different Tracks“ gebeten haben. Auf dem ersten Treffen zeigte das Studio Off the Beaten Track aus Kiel erste Konzeptideen und Spielmechaniken der Erinnerung. Sehr produktiv und konstruktiv stiegen wir daran in den Beratungsprozess über Inhalte, Perspektiven und Spielmechaniken ein. Eine bemerkenswert anregende Runde war das.

Das Areal eines alten Lagerkomplexes und Güterbahnhofs liegt mitten in Hamburg. Als Teil der HafenCity zu einem neuen wohnlichen Stadtteil überbaut, liegen Reste der Gleisanlagen und Tafeln mit den Namen nun als Denkmal im Lohse-Park. Etwas unrühmlich für die Stadt Hamburg, wurden Pläne für einen zentralen Erinnerungsort zurzeit aufgeschoben. Im Lohse-Park weist aktuell deshalb eine provisorische Ausstellung in einem Container auf die Rolle des „Hannoverschen Bahnhofs“ im völkischen Vernichtungswahn der NS-Terrorherrschaft hin.

Der Konzeptentwurf zeigt zwei weibliche Personen im Lohsepark vor dem Container des provisorischen Lern- und Erinnerungsort am Hannoverschen Bahnhof.
Gefördert wird das Projekt von der Stiftung Erinnerung Verantwortung und Zukunft (EVZ). (Screenshot Nolden)

Wer mich kennt, weiß um meine Skepsis bei Serious Games und Lernspielen für historische Kontexte. Deutlich bekräftigte ich sie in meinem Beitrag „Why so serious?!“ für das Magazin „Lernen aus der Geschichte“ 12/2023. Zu oft beugen sie sich spielmechanisch den Darstellungsformen und Stilen einer Erinnerungskultur, die ihnen Menschen aufzwingen, die durch Gedenkstätten und Ausstellungen sozialisiert sind. Serious Games leiden deshalb häufig darunter, dass narrative Spielmechaniken dominieren und wenig Handeln zulassen, um alternative Blickwinkel zu ermöglichen. So entstehen häufig weniger Spiele als sehr teure Analogien zu Ausstellungen oder Broschüren.

Berechtigt wäre also die Frage, warum ich überhaupt Zeit für einen Beirat zu einem solchen Spiel aufwende. Die Bundesstiftung Erinnerung Verantwortung Zukunft (EVZ) fördert in der Linie „Bildungsagenda NS-Unrecht“ die Entwickler:innen direkt und erlaubt ihnen so, sehr autarke Entscheidungen zu treffen. Die Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte tritt nicht als Projektträger auf, sondern ist Kooperationspartner. Diese Kooperation ist zudem ein seltener Vorteil, weil an der KZ-Gedenkstätte Neuengamme mit „Die Kinder vom Bullenhuser Damm“ bereits ein kluges Spiel zusammen mit den Berliner Entwicklern von Paintbucket Games entstand. Gefördert von der Alfred Landecker Stiftung behandelte es die NS-Morde an Kindern in der Schule „Bullenhuser Damm“.

Nicht nur fachlicher Sachverstand und grundlegendes Verständnis für Spiele sind dadurch bereits bei den Partner:innen vorhanden, so wechselt auch der ehemalige Projektleiter Markus Bassermann vom Spiel zum Bullenhuser Damm auf die Seite des Entwicklungsstudios. Durch die direkte Förderstruktur und die kreative Hoheit bei OtBT hoffe ich auf ein paar grundlegende innovative Impulse für die spielbasierte Erinnerungskultur. Deshalb trage ich gern als Mitglied des fachlichen Beirats meinen Anteil dazu bei.

Auf der Webseite der Entwickler:innen von Off the Beaten Track stellt ein Devlog erste Konzeptideen und ein paar zeichnerische Entwürfe vor.
Im DevLog ihrer Webseite stellen die Entwickler:innen von Off the Beaten Track erste Ideen und Skizzen vor. (Screenshot Nolden)

Das liegt auch am Studio „Off the Beaten Track“ von Jens Bahr und seinem Team aus Kiel. Als sehr umtriebiger Entwickler und Vorstand des Branchenverbands if(game)SH trug er 2021 zum Hanse Gamejam bei, den ich mit dem Europäischen Hansemuseum Lübeck organisierte. In den vergangenen Jahren an der Sozialbehörde Hamburgs verwies ich häufiger auf ihr „Fallbeispiel Thomas“. Die interaktive Lernhilfe diente mir als Beispiel für den klugen Einsatz von Spielen in der sozialen Arbeit. Das Kieler Studio OtBT entwarf es für Studierende, die familiäre Gewalt und Kindeswohl einzuschätzen lernen. Sein Spielprinzip erinnerte an das bedrückende „My Child Lebensborn“ über das Schicksal von Kindern aus dem gleichnamigen NS-Zuchtprogramm. In diesem Team steckt also ohnehin schon viel kreative Energie. Fügt man nun noch Markus Bassermann als Entwickler und Historiker hinzu, der als Projektleiter der Landecker-Stiftung für „Die Kinder vom Bullenhuser Damm“ verantwortlich war, mischt sich ein ungewöhnlich erfolgversprechender Cocktail an. Markus prägte aus ähnlicher Kritik an Serious Games wie ich den Begriff „remembrance game“.

Im Beirat traf ich auf viele persönlich bekannte, engagierte Kolleg:innen zwischen Games, Geschichte und Erinnerungskultur. Die Runde brachte viel konstruktives Feedback und Anregungen zu den Entwürfen und für den Entwicklungsprozess vor. Das personelle Tableau scheint mir sehr gut ausgewählt. Man gewinnt den Eindruck, hier verstehen nicht nur alle die Geschichte des NS-Unrechts und seiner Opfer, sondern eben auch Mechanismen der Erinnerungskultur und hilfreiche Spielmechaniken und Perspektiven.

Davon dürfte das entstehende Projekt in den nächsten zwei Jahren sehr profitieren. Und das muss es ja auch. Es ist die Kehrseite der Förderstruktur, dass „Different Tracks“ direkt über Games-Plattformen als Unterhaltungsspiel wird bestehen müssen. Es eröffnet aber auch Möglichkeiten, von den ausgetrampelten Pfaden der Gewohnheiten in der Gedenkstättenlandschaft abzuweichen – wie es der Studioname als Anspruch formuliert. Zudem wird zumindest eine ausgewählte Episode in irgendeiner Form vor Ort im Rahmen der Gedenkstätte „Hannoverscher Bahnhof“ genutzt und dort angeboten. Toll, dass ich im Beirat dazu beitragen darf.

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