{"id":926,"date":"2021-03-04T05:13:00","date_gmt":"2021-03-04T04:13:00","guid":{"rendered":"https:\/\/niconolden.de\/person\/?p=926"},"modified":"2022-01-09T12:02:23","modified_gmt":"2022-01-09T11:02:23","slug":"fallujah-als-militaer-shooter-interview-gamestar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/niconolden.de\/person\/2021\/03\/04\/fallujah-als-militaer-shooter-interview-gamestar\/","title":{"rendered":"Fallujah als Milit\u00e4r-Shooter &#8211; Interview, Gamestar"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Vor zehn Jahren er\u00f6ffnete ein begeistertes Entwicklerstudio die Idee, eine der grausamsten Schlachten des Irakkriegs im Jahr 2004 als Videospiel zu verarbeiten. Nun bin ich durch meine Arbeit mit digitalen Spielen nicht grunds\u00e4tzlich abgeschreckt davon, weil es auf die Spielform und die Inszenierung ankommt, ob man solch einen Inhalt darstellen kann. Allerdings sorgte die enge Konzentration bei &#8222;<a href=\"https:\/\/www.sixdays.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Six Days in Fallujah<\/a>&#8220; auf die US-amerikanischen Leiden von Veteranen zurecht f\u00fcr heftigen Gegenwind. Publisher Konami entzog den Entwicklern den Auftrag und Atomic Games ging insolvent.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon damals machte mich das Projekt f\u00fcr mein Blog Keimling hellh\u00f6rig (<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/?p=129\" target=\"_blank\">Kommentar: Last Day of &#8222;Fallujah&#8220;, 29. Mai 2009<\/a>). Nun wurde das Projekt im Februar 2021 wiederbelebt. Als ich darauf via Twitter hinwies und die neuen Bem\u00fchungen kritisch beurteilte, wurde Journalist Dominik Schott darauf aufmerksam. Wir f\u00fchrten f\u00fcr einen Report auf Gamestar-Plus ein l\u00e4ngeres Gespr\u00e4ch. Unter dem Titel <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.gamestar.de\/artikel\/six-days-in-fallujah-das-macht-den-irak-shooter-so-heikel,3367560.html\" target=\"_blank\">&#8222;Six Days in Fallujah: Das macht den Irak-Shooter so heikel&#8220; erschien er am 4. M\u00e4rz 2021<\/a> (Paywall).<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"871\" src=\"https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/210304-Keimling-Fallujah-Kommentar.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-928\" srcset=\"https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/210304-Keimling-Fallujah-Kommentar.png 1024w, https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/210304-Keimling-Fallujah-Kommentar-300x255.png 300w, https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/210304-Keimling-Fallujah-Kommentar-768x653.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>In meinem Blog Keimling verfolge ich historische Inszenierungen in digitalen Spielen und die Geschichte ihrer Innovationen nun schon sehr lange. 2009 schrieb ich zu den Zusammenh\u00e4ngen beim Spiel &#8222;Six Days in Fallujah&#8220; (Abb. eigener Screenshot, Nolden)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Dass das Projekt ein Jahrzehnt sp\u00e4ter wiederbelebt wurde, liegt wohl auch daran, dass Entwickler:innen die grunds\u00e4tzliche Kritik an der Einseitigkeit nicht verstanden. Angesichts der Kritik zogen sie den Schluss, damals sei wohl noch nicht gen\u00fcgend Zeit verstrichen, um \u00fcber die amerikanischen Schicksale zu sprechen. Nun gehe es ihnen darum, den Spielenden die Komplexit\u00e4t des H\u00e4userkampfes nahezubringen. Wie ich im Interview erl\u00e4utere, f\u00fchrt diese Perspektive immer weiter in eine falsche Richtung. Auch wenn nat\u00fcrlich ein digitales Spiel nicht eine Vorlesung in Internationaler Politik ersetzen kann, f\u00fchren die Wahl des Blickwinkels und inbesondere dessen Einseitigkeit zu einer nachtr\u00e4glichen Romantisierung des soldatischen Einsatzes und einer Verkl\u00e4rung des Kriegseinsatzes insgesamt. Um dem Konflikt und gerade diesem erinnerungskulturellen Symbolort gerecht zu werden, m\u00fcsste sich die Perspektive erheblich weiten und vielf\u00e4ltiger angelegt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch f\u00fcr Spieler:innen, die h\u00e4ufig danach verlangen, Spiele frei von Politik zu halten, fand ich klare Worte: Bereits der Schwerpunkt auf die US-Perspektive sei ein politischer Kommentar, ob man nun wolle oder nicht. &#8222;Man darf den Leuten nicht so eine Weltdeutung vor die F\u00fc\u00dfe kippen und dann sagen, das ist unpolitisch.&#8220; In dem Zusammenhang betonte ich auch, wie wichtig es w\u00e4re, Zeitzeugen st\u00e4rker zu hinterfragen. Sehr emotional wird mit bewegenden Erfahrungen der US-Soldaten gearbeitet, die an der Schlacht beteiligt waren: &#8222;Dabei ist dieser Glaube, man muss nur dagewesen sein und hat deswegen eine \u00dcbersicht \u00fcber die Lage und Deutungsautorit\u00e4t, einfach idiotisch.&#8220; Auch hier fehlt die Rahmung durch textliche Quellen, Aussagen \u00fcbergeordneter Stellen oder Zeug:innen der iraktischen Bev\u00f6lkerung. Schott nahm daher auch Kontakt zu Irakern auf, die sich nachweislich zur Zeit der Schlacht in Falljah befanden und ihre Haltung zum Spiel thematisierten. <a href=\"https:\/\/www.sixdays.com\/news\/a-word-about-politics\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Auf ihrer Webseite k\u00fcndigen Highwire Games <\/a>mittlerweile an, die Erfahrungen dutzender Iraker f\u00fcr das Spiel zu ber\u00fccksichtigen. Allerdings gibt es mehr als dieses Statement dazu noch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch weil ich digitale Spiele als Medium \u00fcber alle Ma\u00dfen sch\u00e4tze, war mir am Ende noch eine grunds\u00e4tzliche Botschaft wichtig, die ich sowohl an die Communities als auch Entwickler:innen adressierte. Man k\u00f6nne Spiele nicht &#8222;wertfrei&#8220; konsumieren. Zeitgeist und kulturelle Pr\u00e4gung von Entwickler:innen schwingen eben immer mit. Und das m\u00fcssen Spieler wie Journalisten sehen: &#8222;Wenn man ein Kulturmedium sein will, m\u00fcssen wir es auch als ein solches behandeln. Dann m\u00fcssen wir auch Diskussionen f\u00fchren, die sich mal um moralische, mal um politische Argumente drehen. Es geh\u00f6rt dazu, sich auch mit sowas auseinanderzusetzen &#8211; sonst sind wir wieder beim Kinderspielzeug.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor zehn Jahren er\u00f6ffnete ein begeistertes Entwicklerstudio die Idee, eine der grausamsten Schlachten des Irakkriegs im Jahr 2004 als Videospiel zu verarbeiten. Nun bin ich durch meine Arbeit mit digitalen Spielen nicht grunds\u00e4tzlich abgeschreckt davon, weil es auf die Spielform und die Inszenierung ankommt, ob man solch einen Inhalt darstellen kann. Allerdings sorgte die enge Konzentration bei &#8222;Six Days in Fallujah&#8220; auf die US-amerikanischen Leiden von Veteranen zurecht f\u00fcr heftigen Gegenwind. Publisher Konami entzog den Entwicklern den Auftrag und Atomic Games ging insolvent. Schon damals machte mich das Projekt f\u00fcr mein Blog Keimling hellh\u00f6rig (Kommentar: Last Day of &#8222;Fallujah&#8220;, 29. Mai 2009). Nun wurde das Projekt im Februar 2021 wiederbelebt. Als ich darauf via Twitter hinwies und die neuen Bem\u00fchungen kritisch beurteilte, wurde Journalist Dominik Schott darauf aufmerksam. Wir f\u00fchrten f\u00fcr einen Report auf Gamestar-Plus ein l\u00e4ngeres Gespr\u00e4ch. Unter dem Titel &#8222;Six Days in Fallujah: Das macht den Irak-Shooter so heikel&#8220; erschien er am 4. M\u00e4rz 2021 (Paywall). Dass das Projekt ein Jahrzehnt sp\u00e4ter wiederbelebt wurde, liegt wohl auch daran, dass Entwickler:innen die grunds\u00e4tzliche Kritik an der Einseitigkeit nicht verstanden. Angesichts der Kritik zogen sie den Schluss, damals sei wohl noch nicht gen\u00fcgend Zeit verstrichen, um \u00fcber die amerikanischen Schicksale zu sprechen. Nun gehe es ihnen darum, den Spielenden die Komplexit\u00e4t des H\u00e4userkampfes nahezubringen. Wie ich im Interview erl\u00e4utere, f\u00fchrt diese Perspektive immer weiter in eine falsche Richtung. Auch wenn nat\u00fcrlich ein digitales Spiel nicht eine Vorlesung in Internationaler Politik ersetzen kann, f\u00fchren die Wahl des Blickwinkels und inbesondere dessen Einseitigkeit zu einer nachtr\u00e4glichen Romantisierung des soldatischen Einsatzes und einer Verkl\u00e4rung des Kriegseinsatzes insgesamt. Um dem Konflikt und gerade diesem erinnerungskulturellen Symbolort gerecht zu werden, m\u00fcsste sich die Perspektive erheblich weiten und vielf\u00e4ltiger angelegt werden. Auch f\u00fcr Spieler:innen, die h\u00e4ufig danach verlangen, Spiele frei von Politik zu halten, fand ich klare Worte: Bereits der Schwerpunkt auf die US-Perspektive sei ein politischer Kommentar, ob man nun wolle oder nicht. &#8222;Man darf den Leuten nicht so eine Weltdeutung vor die F\u00fc\u00dfe kippen und dann sagen, das ist unpolitisch.&#8220; In dem Zusammenhang betonte ich auch, wie wichtig es w\u00e4re, Zeitzeugen st\u00e4rker zu hinterfragen. Sehr emotional wird mit bewegenden Erfahrungen der US-Soldaten gearbeitet, die an der Schlacht beteiligt waren: &#8222;Dabei ist dieser Glaube, man muss nur dagewesen sein und hat deswegen eine \u00dcbersicht \u00fcber die Lage und Deutungsautorit\u00e4t, einfach idiotisch.&#8220; Auch hier fehlt die Rahmung durch textliche Quellen, Aussagen \u00fcbergeordneter Stellen oder Zeug:innen der iraktischen Bev\u00f6lkerung. Schott nahm daher auch Kontakt zu Irakern auf, die sich nachweislich zur Zeit der Schlacht in Falljah befanden und ihre Haltung zum Spiel thematisierten. Auf ihrer Webseite k\u00fcndigen Highwire Games mittlerweile an, die Erfahrungen dutzender Iraker f\u00fcr das Spiel zu ber\u00fccksichtigen. Allerdings gibt es mehr als dieses Statement dazu noch nicht. Auch weil ich digitale Spiele als Medium \u00fcber alle Ma\u00dfen sch\u00e4tze, war mir am Ende noch eine grunds\u00e4tzliche Botschaft wichtig, die ich sowohl an die Communities als auch Entwickler:innen adressierte. Man k\u00f6nne Spiele nicht &#8222;wertfrei&#8220; konsumieren. Zeitgeist und kulturelle Pr\u00e4gung von Entwickler:innen schwingen eben immer mit. Und das m\u00fcssen Spieler wie Journalisten sehen: &#8222;Wenn man ein Kulturmedium sein will, m\u00fcssen wir es auch als ein solches behandeln. Dann m\u00fcssen wir auch Diskussionen f\u00fchren, die sich mal um moralische, mal um politische Argumente drehen. Es geh\u00f6rt dazu, sich auch mit sowas auseinanderzusetzen &#8211; sonst sind wir wieder beim Kinderspielzeug.&#8220; *<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":927,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[165],"tags":[551,557,558,559,313,550,228,553,554,552,566,560,262,565,549,556,555,561,564,563],"class_list":["post-926","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-medienspiegel","tag-atomic-games","tag-dominik-schott","tag-gamestar","tag-gamestarplus","tag-geschichtsbilder","tag-highwire-games","tag-interview","tag-irak","tag-irakkrieg","tag-konami","tag-militaer","tag-perspektivitaet","tag-politik","tag-propaganda","tag-six-days-in-fallujah","tag-usa","tag-veteranen","tag-weltbilder","tag-zeitzeuge","tag-zivilisten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/926","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=926"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/926\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":929,"href":"https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/926\/revisions\/929"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-json\/wp\/v2\/media\/927"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=926"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=926"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=926"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}