{"id":516,"date":"2019-08-24T09:24:57","date_gmt":"2019-08-24T07:24:57","guid":{"rendered":"https:\/\/niconolden.de\/person\/?p=516"},"modified":"2019-08-27T09:30:07","modified_gmt":"2019-08-27T07:30:07","slug":"einen-gang-hoher-schalten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/niconolden.de\/person\/2019\/08\/24\/einen-gang-hoher-schalten\/","title":{"rendered":"Einen Gang h\u00f6her schalten &#8211; Workshops, G\u00e4ngeviertel Hamburg"},"content":{"rendered":"\n<p>Unter dem Motto <a href=\"https:\/\/das-gaengeviertel.info\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">&#8222;Komm in die G\u00e4nge&#8220;<\/a> lockt seit einem Jahrzehnt das Hamburger <strong>G\u00e4ngeviertel<\/strong> am Valentinskamp in einen ganz besonderen Stadtteil. Umstellt von Glaspal\u00e4sten gro\u00dfer Konzerne wie Festungsmauern, eignete sich hier die Zivilgesellschaft vor zehn Jahren den Rest eines Arbeiterviertels an. Ein buntes V\u00f6lkchen rettete so ein St\u00fcck Hamburger Geschichte vor Verfall und Abriss. Gleichzeitig begann dadurch ein neues St\u00fcck dieser Geschichte. Sie wird nun aus der Perspektive des engagierten, alternativen Kreises der Hamburger Bev\u00f6lkerung neu gepr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"112\" height=\"112\" src=\"https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/gaengeviertel_cheers.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-532\" srcset=\"https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/gaengeviertel_cheers.png 112w, https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/gaengeviertel_cheers-75x75.png 75w\" sizes=\"auto, (max-width: 112px) 100vw, 112px\" \/><figcaption>&#8222;Cheers to 10 Years&#8220; &#8211; Das Festival zu einer Dekade des Hamburger G\u00e4ngeviertels. (Logo: G\u00e4ngeviertel)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Zum zehnj\u00e4hrigen Jahrestag lud der Verein G\u00e4ngeviertel e.V. unter dem Motto <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/das-gaengeviertel.info\/programm\/geburtstagsprogramm.html\" target=\"_blank\">&#8222;Cheers to 10 Years&#8220;<\/a> gleich f\u00fcr mehrere Tage ein, den langen Prozess der Aneignung des G\u00e4ngeviertels zu erinnern und diese Dekade zugleich zu feiern. Bei diesen Feierlichkeiten bot auch ich am 24. August <strong>zwei Workshops, einen Vortrag und eine Installation<\/strong> an. Finanziert von der <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.hamburg.de\/politische-bildung\/\" target=\"_blank\">Landeszentrale f\u00fcr politische Bildung<\/a> und mit dem Equipment unseres <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"GameLab Geschichte (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.geschichte.uni-hamburg.de\/arbeitsbereiche\/public-history\/forschung\/gamelab.html\" target=\"_blank\">GameLab Geschichte<\/a> an der Universit\u00e4t Hamburg ging es von 14 bis 23 Uhr um die Geschichte des G\u00e4ngeviertels, was das mit Public History zu tun hat und welche Verbindungen zu historischen Inszenierungen digitaler Spiele bestehen. Thematisch zogen meine Beitr\u00e4ge einen Bogen von der Konstruktion von Geschichte, \u00fcber Geschichtspraktiken im st\u00e4dtischen Raum bis hin zu digitalen Spielen als M\u00f6glichkeitenraum, um Kulturtechniken des Umgangs mit Geschichte zu erproben.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Programm begann mit einem vierst\u00fcndigen offenen Workshop am Nachmittag. Dort konnten Kinder, Jugendliche und Erwachsenen mithilfe des digitalen Spieles <a href=\"https:\/\/www.minecraft.net\/de-de\/\">Minecraft<\/a> im Lokalen Netzwerk ihre <strong>Visionen <\/strong>von der zuk\u00fcnftigen Stadt errichten. Daf\u00fcr nutzte ich eine Multiplayer-Karte, die ich <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"2014 bereits im Workshop Hamburg Respawn beim Play-Festival eingesetzt hatte (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/hamburg.playfestival.de\/play14\/2014\/07\/20\/tagesworkshop-respawn-hamburg-hamburg-in-minecraft\/\" target=\"_blank\">2014 bereits im Workshop Hamburg Respawn beim Play-Festival eingesetzt hatte<\/a>. Mithilfe historischer Karten hatte ich die Topografie der Hamburger Altstadt etwa um 1500 nachgebaut und ein paar Landmarken wie etwa den Kran an der B\u00f6rse zur Orientierung gesetzt. Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler konstruierten damals eifrig sp\u00e4tmittelalterliche Stadtelemente auf der Basis von Quellen hinein (siehe <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"DGBL: Hamburg Respawn (Play14) (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.niconolden.de\/keimling\/?p=2157\" target=\"_blank\">DGBL: Hamburg Respawn (Play14)<\/a>, in: KEIMLING vom 22. 9. 2014). Grundlage daf\u00fcr ist der Kreativmodus des Spieles, ein bunter Konstruktionsbaukasten. Als Ausgangsbasis passte diese digitale Umgebung daher hervorragend, damit die G\u00e4ste zwischen historischen Geb\u00e4uden ihre Vorstellungen einer baulichen Zukunft Hamburgs verwirklichen konnten. Der Netzwerkcharkter des Multiplayer-Modus rief dabei spielerisch in Erinnerung, dass wir unsere st\u00e4dtische Zukunft alle gemeinsam errichten.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"290\" src=\"https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Play14_HamburgRespawn.png\" alt=\"2014 errichteten Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler sp\u00e4tmittelalterliche Bauwerke auf einer Multiplayer-Karte von Minecraft, nun setzten die Besucherinnen und Besucher ihre Visionen eines zuk\u00fcnftigen Hamburg dazwischen. (Abb. eigener Screenshot, PC).\" class=\"wp-image-533\" srcset=\"https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Play14_HamburgRespawn.png 500w, https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Play14_HamburgRespawn-300x174.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption>2014 errichteten Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler sp\u00e4tmittelalterliche Bauwerke auf einer Multiplayer-Karte von Minecraft, nun setzten die Besucherinnen und Besucher ihre Visionen eines zuk\u00fcnftigen Hamburg dazwischen. (Abb. eigener Screenshot, PC).<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Im Hintergrund lief kontinuierlich eine Projektion. Sie zeigte einen drei\u00dfig-min\u00fctigen Mitschnitt einer Stadtsimulation, die ich mithilfe des Aufbauspieles <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Cities Skylines (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.paradoxplaza.com\/cities-skylines\/CSCS00GSK-MASTER.html\" target=\"_blank\">Cities Skylines<\/a> realisiert habe. Der Film mit Szenen st\u00e4dtischen Lebens von Verkehr \u00fcber Arbeit hin zu Kultur, Freizeit und Natur zeigt die enorme Komplexit\u00e4t gegenw\u00e4rtiger Darstellungen einer Stadt im Spiel und lud durch die atmosph\u00e4rischen <strong>Eindr\u00fccke <\/strong>zum Verweilen ein. Dar\u00fcber hinaus zielte ich darauf, mit den Verweilenden ins Gespr\u00e4ch zu kommen, was die durchaus beeindruckende Stadtsimulation zeigt &#8211; und was sie eben nicht von einer Stadt zeigt. Insbesondere die Funktion eines Altstadtviertels wie das G\u00e4ngeviertel regte zum Gespr\u00e4ch an: Die Simulation setzt es im Spiel zum \u00f6konomischen und touristischen Mehrwert ein, verkennt es aber als Freiraum f\u00fcr Kunst, Kultur und Zivilgesellschaft. Gerade eine solche komplexe und visuell beeindruckende Simulation verleitet vorschnell zu \u00fcbersehen, dass sie auch nur modellhaft eine bestimmte zeithistorische Vorstellung von Stadt realisiert.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed-youtube wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Schaffe Deine Stadt - Gesellschaftliche Aneignung st\u00e4dtischer R\u00e4ume in digitalen Spielen\" width=\"960\" height=\"540\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/xd6lPdMWEX8?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><figcaption>Im atmosph\u00e4rischen Mitschnitt einer selbsterstellten Stadt offenbaren sich Vorstellungen \u00fcber gesellschaftliche Aneignungen st\u00e4dtische R\u00e4ume anhand des Spieles &#8218;Cities Skylines&#8216; &#8211; und die L\u00fccken einer solchen Simulation. (&#8222;Schaffe Deine Stadt &#8211; Gesellschaftliche Aneignung st\u00e4dtischer R\u00e4ume im digitalen Spiel&#8220;, in: Kanal TheBlitzechse via Youtube vom 26.8.2019)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Was heute ein buntes, ein wenig durchgedrehtes K\u00fcnstler- und Handwerksviertel ist, begann in der Industrialisierung als Arbeiterstadtteil. Wegen seiner hygienischen Bedingungen kam es nicht erst in der Cholerawelle Ende des 19. Jahrhundert \u00fcberregional ins Gerede, auch die beengte Wohnsituation empfahl ihn nicht als <strong>Traumsiedlung<\/strong>. Allerdings besa\u00dfen die engen H\u00e4user einen st\u00e4dtebaulich einmaligen, flie\u00dfenden Charakter: In den Innenh\u00f6fen gingen private, halb\u00f6ffentliche und gesch\u00e4ftlich genutzten Sph\u00e4ren kaum trennbar ineinander \u00fcber. Nach mehreren Abrisswellen am Beginn des Jahrhunderts blieb Ende der Sechziger Jahre nur noch ein kleines Relikt \u00fcbrig. Schlie\u00dflich sollte auch dieses ein Entwicklungsplan beseitigen. 2009 besetzte kurzerhand ein Kollektiv von zivilgesellschaftlichen Aktivisten die verfallenden Gem\u00e4uer, legte Nutzungskonzepte vor, sanierte, f\u00f6rderte Kunst und Kultur und erreichte schlie\u00dflich breite Sympathien in Stadt und B\u00fcrgerschaft. Seit April 2019 erreichte G\u00e4ngeviertel e.V. eine wichtige Etappe mit einem dauerhaften Erbpachtvertrag und schuf \u00fcber die zehn Jahre einen einmaligen Begegnungsraum f\u00fcr diese Stadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Entlang dieser zivilgesellschaftlichen Tatkraft kn\u00fcpfte ich den roten Faden durch den Tag: von der gesellschaftlichen Aneignung st\u00e4dtischer R\u00e4ume \u00fcber die Methoden und Ziele der Public History, Menschen zu einem selbst\u00e4ndigen Umgang mit Geschichte zu bef\u00e4higen, bis hin zu digitalen Spielen. In letzteren erfahren Spielende Konstruktionen von St\u00e4dten und erarbeiten sich selbstt\u00e4tig historische Vorstellungen \u00fcber st\u00e4dtische R\u00e4ume. Diese Verbindungen betonte mein <strong>Vortrag <\/strong>um 19 Uhr. Knapp leitete er damit vom Nachmittagsprogramm \u00fcber die Installation der Stadtansichten hin zu unserem Abendprogramm. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"724\" src=\"https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/gaengeviertel_vortrag-1024x724.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-536\" srcset=\"https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/gaengeviertel_vortrag-1024x724.png 1024w, https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/gaengeviertel_vortrag-300x212.png 300w, https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/gaengeviertel_vortrag-768x543.png 768w, https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/gaengeviertel_vortrag.png 1119w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Mein Vortrag baute am fr\u00fchen Abend eine Br\u00fccke zwischen den Themenbl\u00f6cken. (Abb. eigener Screenshot)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Bis in die Nacht bot ein zweiter offener Workshop mehrere Spielstationen auf unterschiedlichen technischen Plattformen an. <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Assassin's Creed Syndicate (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.ubisoft.com\/de-de\/game\/assassins-creed-syndicate\/\" target=\"_blank\">Assassin&#8217;s Creed Syndicate<\/a> lud auf der Playstation 4 ein, in eine Vision von <strong>London im sp\u00e4ten 19. Jahrhundert <\/strong>w\u00e4hrend der Industrialisierung zu reisen. In dem Action-Abenteuerspiel k\u00f6nnen Spielende Viertel mit sehr vergleichbaren Arbeiterh\u00e4usern aufsuchen, wie sie auch die Grundlage des Hamburger G\u00e4ngeviertels bilden. Am PC bot das St\u00e4dteaufbauspiel <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Sim City (2013) (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.ea.com\/de-de\/games\/simcity\/simcity\" target=\"_blank\">Sim City (2013)<\/a> den Besuchern die M\u00f6glichkeit, selbst mit dem Aufbau einer Stadt zu experimentieren. <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Bioshock Infinite (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/2k.com\/en-US\/game\/bioshock-infinite\/\" target=\"_blank\">Bioshock Infinite<\/a> hingegen zeigte exemplarisch, dass St\u00e4dte in digitalen Spielen auch als Symbole dienen &#8211; in diesem Fall f\u00fcr den wei\u00dfen, konservativen Sehnsuchtsort &#8222;Columbia&#8220;, die utopische Vorstellung einer idealisierten USA unter religi\u00f6s \u00fcberh\u00f6hten Gr\u00fcnderv\u00e4tern, die an ihrem grassierenden Rassismus scheitert. Spiel und Stadt kommentieren so die Ursache f\u00fcr die gegenw\u00e4rtige Lage der USA.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"711\" src=\"https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/gaengeviertel_gamelabbsp-1024x711.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-535\" srcset=\"https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/gaengeviertel_gamelabbsp-1024x711.png 1024w, https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/gaengeviertel_gamelabbsp-300x208.png 300w, https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/gaengeviertel_gamelabbsp-768x533.png 768w, https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/gaengeviertel_gamelabbsp.png 1122w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Verschiedene Spiele aus der Ludothek des Hamburger GameLab standen zum Ausprobieren bereit. (Abb. eigener Screenshot)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Mit der Aneignung st\u00e4dtischer R\u00e4ume auf unterschiedliche Weisen durch Spielende und der Verwirklichung alternativer, utopischer Gesellschaftsvorstellungen f\u00fchrt meine Veranstaltung wieder direkt zum G\u00e4ngeviertel und seiner Geschichte zur\u00fcck. Nur weil es seit 2019 einen Erbpachtvertrag gibt, hei\u00dft es noch lange nicht, dass der Verein damit im Establishment angekommen w\u00e4re. Der <strong>Prozess <\/strong>der Aneignung des St\u00e4dtischen Raumes und seiner historischen Deutung setzt sich kontinuierlich fort. Um zu bestehen, muss sich das G\u00e4ngeviertel kontinuierlich neu erfinden. Erst j\u00fcngst \u00f6ffnete das \u00f6rtliche Museum <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"&quot;Vor-G\u00e4nge&quot; (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.startnext.com\/vor-gaenge\" target=\"_blank\">&#8222;Vor-G\u00e4nge&#8220;<\/a>, das Einblicke in die historische Entwicklung des Quartiers bietet. Auf gef\u00fchrten Rundg\u00e4ngen zeigen engagierte Vereinsmitglieder den eigenen Blick auf ihr Projekt. Auch das Festival etabliert letztlich eine eigene Tradition der Lesart dieses Prozesses. Zusammen mit der Hamburger Landeszentrale f\u00fcr Politische Bildung und der Public History Hamburg leistete ich gern einen Baustein der Reflexion dazu.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\">*<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter dem Motto &#8222;Komm in die G\u00e4nge&#8220; lockt seit einem Jahrzehnt das Hamburger G\u00e4ngeviertel am Valentinskamp in einen ganz besonderen Stadtteil. Umstellt von Glaspal\u00e4sten gro\u00dfer Konzerne wie Festungsmauern, eignete sich hier die Zivilgesellschaft vor zehn Jahren den Rest eines Arbeiterviertels an. Ein buntes V\u00f6lkchen rettete so ein St\u00fcck Hamburger Geschichte vor Verfall und Abriss. Gleichzeitig begann dadurch ein neues St\u00fcck dieser Geschichte. Sie wird nun aus der Perspektive des engagierten, alternativen Kreises der Hamburger Bev\u00f6lkerung neu gepr\u00e4gt. Zum zehnj\u00e4hrigen Jahrestag lud der Verein G\u00e4ngeviertel e.V. unter dem Motto &#8222;Cheers to 10 Years&#8220; gleich f\u00fcr mehrere Tage ein, den langen Prozess der Aneignung des G\u00e4ngeviertels zu erinnern und diese Dekade zugleich zu feiern. Bei diesen Feierlichkeiten bot auch ich am 24. August zwei Workshops, einen Vortrag und eine Installation an. Finanziert von der Landeszentrale f\u00fcr politische Bildung und mit dem Equipment unseres GameLab Geschichte an der Universit\u00e4t Hamburg ging es von 14 bis 23 Uhr um die Geschichte des G\u00e4ngeviertels, was das mit Public History zu tun hat und welche Verbindungen zu historischen Inszenierungen digitaler Spiele bestehen. Thematisch zogen meine Beitr\u00e4ge einen Bogen von der Konstruktion von Geschichte, \u00fcber Geschichtspraktiken im st\u00e4dtischen Raum bis hin zu digitalen Spielen als M\u00f6glichkeitenraum, um Kulturtechniken des Umgangs mit Geschichte zu erproben. Das Programm begann mit einem vierst\u00fcndigen offenen Workshop am Nachmittag. Dort konnten Kinder, Jugendliche und Erwachsenen mithilfe des digitalen Spieles Minecraft im Lokalen Netzwerk ihre Visionen von der zuk\u00fcnftigen Stadt errichten. Daf\u00fcr nutzte ich eine Multiplayer-Karte, die ich 2014 bereits im Workshop Hamburg Respawn beim Play-Festival eingesetzt hatte. Mithilfe historischer Karten hatte ich die Topografie der Hamburger Altstadt etwa um 1500 nachgebaut und ein paar Landmarken wie etwa den Kran an der B\u00f6rse zur Orientierung gesetzt. Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler konstruierten damals eifrig sp\u00e4tmittelalterliche Stadtelemente auf der Basis von Quellen hinein (siehe DGBL: Hamburg Respawn (Play14), in: KEIMLING vom 22. 9. 2014). Grundlage daf\u00fcr ist der Kreativmodus des Spieles, ein bunter Konstruktionsbaukasten. Als Ausgangsbasis passte diese digitale Umgebung daher hervorragend, damit die G\u00e4ste zwischen historischen Geb\u00e4uden ihre Vorstellungen einer baulichen Zukunft Hamburgs verwirklichen konnten. Der Netzwerkcharkter des Multiplayer-Modus rief dabei spielerisch in Erinnerung, dass wir unsere st\u00e4dtische Zukunft alle gemeinsam errichten. Im Hintergrund lief kontinuierlich eine Projektion. Sie zeigte einen drei\u00dfig-min\u00fctigen Mitschnitt einer Stadtsimulation, die ich mithilfe des Aufbauspieles Cities Skylines realisiert habe. Der Film mit Szenen st\u00e4dtischen Lebens von Verkehr \u00fcber Arbeit hin zu Kultur, Freizeit und Natur zeigt die enorme Komplexit\u00e4t gegenw\u00e4rtiger Darstellungen einer Stadt im Spiel und lud durch die atmosph\u00e4rischen Eindr\u00fccke zum Verweilen ein. Dar\u00fcber hinaus zielte ich darauf, mit den Verweilenden ins Gespr\u00e4ch zu kommen, was die durchaus beeindruckende Stadtsimulation zeigt &#8211; und was sie eben nicht von einer Stadt zeigt. Insbesondere die Funktion eines Altstadtviertels wie das G\u00e4ngeviertel regte zum Gespr\u00e4ch an: Die Simulation setzt es im Spiel zum \u00f6konomischen und touristischen Mehrwert ein, verkennt es aber als Freiraum f\u00fcr Kunst, Kultur und Zivilgesellschaft. Gerade eine solche komplexe und visuell beeindruckende Simulation verleitet vorschnell zu \u00fcbersehen, dass sie auch nur modellhaft eine bestimmte zeithistorische Vorstellung von Stadt realisiert. Was heute ein buntes, ein wenig durchgedrehtes K\u00fcnstler- und Handwerksviertel ist, begann in der Industrialisierung als Arbeiterstadtteil. Wegen seiner hygienischen Bedingungen kam es nicht erst in der Cholerawelle Ende des 19. Jahrhundert \u00fcberregional ins Gerede, auch die beengte Wohnsituation empfahl ihn nicht als Traumsiedlung. Allerdings besa\u00dfen die engen H\u00e4user einen st\u00e4dtebaulich einmaligen, flie\u00dfenden Charakter: In den Innenh\u00f6fen gingen private, halb\u00f6ffentliche und gesch\u00e4ftlich genutzten Sph\u00e4ren kaum trennbar ineinander \u00fcber. Nach mehreren Abrisswellen am Beginn des Jahrhunderts blieb Ende der Sechziger Jahre nur noch ein kleines Relikt \u00fcbrig. Schlie\u00dflich sollte auch dieses ein Entwicklungsplan beseitigen. 2009 besetzte kurzerhand ein Kollektiv von zivilgesellschaftlichen Aktivisten die verfallenden Gem\u00e4uer, legte Nutzungskonzepte vor, sanierte, f\u00f6rderte Kunst und Kultur und erreichte schlie\u00dflich breite Sympathien in Stadt und B\u00fcrgerschaft. Seit April 2019 erreichte G\u00e4ngeviertel e.V. eine wichtige Etappe mit einem dauerhaften Erbpachtvertrag und schuf \u00fcber die zehn Jahre einen einmaligen Begegnungsraum f\u00fcr diese Stadt. Entlang dieser zivilgesellschaftlichen Tatkraft kn\u00fcpfte ich den roten Faden durch den Tag: von der gesellschaftlichen Aneignung st\u00e4dtischer R\u00e4ume \u00fcber die Methoden und Ziele der Public History, Menschen zu einem selbst\u00e4ndigen Umgang mit Geschichte zu bef\u00e4higen, bis hin zu digitalen Spielen. In letzteren erfahren Spielende Konstruktionen von St\u00e4dten und erarbeiten sich selbstt\u00e4tig historische Vorstellungen \u00fcber st\u00e4dtische R\u00e4ume. Diese Verbindungen betonte mein Vortrag um 19 Uhr. Knapp leitete er damit vom Nachmittagsprogramm \u00fcber die Installation der Stadtansichten hin zu unserem Abendprogramm. Bis in die Nacht bot ein zweiter offener Workshop mehrere Spielstationen auf unterschiedlichen technischen Plattformen an. Assassin&#8217;s Creed Syndicate lud auf der Playstation 4 ein, in eine Vision von London im sp\u00e4ten 19. Jahrhundert w\u00e4hrend der Industrialisierung zu reisen. In dem Action-Abenteuerspiel k\u00f6nnen Spielende Viertel mit sehr vergleichbaren Arbeiterh\u00e4usern aufsuchen, wie sie auch die Grundlage des Hamburger G\u00e4ngeviertels bilden. Am PC bot das St\u00e4dteaufbauspiel Sim City (2013) den Besuchern die M\u00f6glichkeit, selbst mit dem Aufbau einer Stadt zu experimentieren. Bioshock Infinite hingegen zeigte exemplarisch, dass St\u00e4dte in digitalen Spielen auch als Symbole dienen &#8211; in diesem Fall f\u00fcr den wei\u00dfen, konservativen Sehnsuchtsort &#8222;Columbia&#8220;, die utopische Vorstellung einer idealisierten USA unter religi\u00f6s \u00fcberh\u00f6hten Gr\u00fcnderv\u00e4tern, die an ihrem grassierenden Rassismus scheitert. Spiel und Stadt kommentieren so die Ursache f\u00fcr die gegenw\u00e4rtige Lage der USA. Mit der Aneignung st\u00e4dtischer R\u00e4ume auf unterschiedliche Weisen durch Spielende und der Verwirklichung alternativer, utopischer Gesellschaftsvorstellungen f\u00fchrt meine Veranstaltung wieder direkt zum G\u00e4ngeviertel und seiner Geschichte zur\u00fcck. Nur weil es seit 2019 einen Erbpachtvertrag gibt, hei\u00dft es noch lange nicht, dass der Verein damit im Establishment angekommen w\u00e4re. Der Prozess der Aneignung des St\u00e4dtischen Raumes und seiner historischen Deutung setzt sich kontinuierlich fort. Um zu bestehen, muss sich das G\u00e4ngeviertel kontinuierlich neu erfinden. Erst j\u00fcngst \u00f6ffnete das \u00f6rtliche Museum &#8222;Vor-G\u00e4nge&#8220;, das Einblicke in die historische Entwicklung des Quartiers bietet. Auf gef\u00fchrten Rundg\u00e4ngen zeigen engagierte Vereinsmitglieder den eigenen Blick auf ihr Projekt. Auch das Festival etabliert letztlich eine eigene Tradition der Lesart dieses Prozesses. 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