{"id":1115,"date":"2025-02-24T20:06:00","date_gmt":"2025-02-24T19:06:00","guid":{"rendered":"https:\/\/niconolden.de\/person\/?p=1115"},"modified":"2025-10-03T19:44:13","modified_gmt":"2025-10-03T17:44:13","slug":"den-misthaufen-zu-duenger-machen-in-eigener-sache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/niconolden.de\/person\/2025\/02\/24\/den-misthaufen-zu-duenger-machen-in-eigener-sache\/","title":{"rendered":"Den Misthaufen zu D\u00fcnger machen &#8211; In eigener Sache, Bonn"},"content":{"rendered":"\n<p>Mir ist nach ein paar pers\u00f6nlichen Worten! Die internationale Lage und der j\u00fcngste Wahlkampf haben mich wie so viele andere ausgezehrt. Die Wahlen zum Bundestag sind Geschichte, ihr Ergebnis in mancher Hinsicht <strong>historisch<\/strong>. Und das auf die unangenehme Art, so wie der Bruch der Nachkriegsordnung hin zu einem imperialen Gro\u00dfmachtgerangel. Gerade deshalb ist keine Zeit, um nachzulassen. Denn die kommende, harte Durststrecke f\u00fcr eine historisch-politisch aufgekl\u00e4rte Gesellschaft beginnt mit diesen Epochenbr\u00fcchen gerade erst.<\/p>\n\n\n\n<p>Versuchen wir aus dem Misthaufen D\u00fcnger zu machen: Ich engagiere mich seit Januar 2025 st\u00e4rker im <a href=\"https:\/\/www.openhistory.de\/wer-wir-sind\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Verein Open History e.V.<\/a> Als stellvertretender Vorsitzender in den Vorstand gew\u00e4hlt, versuche ich meinen Teil beizutragen, um die Kr\u00e4fte f\u00fcr ein neues HistoCamp zu <strong>b\u00fcndeln<\/strong>. (<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.openhistory.de\/bastion-netzwerk-passion-geschichte-oder-umgekehrt\/\" target=\"_blank\">Bastion Netzwerk, Passion Geschichte \u2013 oder umgekehrt? Open History Blog, 21.2.2025<\/a>). Denn darin sehe ich den Beitrag, den ich zum Ausweg leisten kann. Damit zieht sich ein roter Faden durch eine lange w\u00e4hrende pers\u00f6nliche Haltung. Vielleicht kann ich andere mit diesem Beitrag dazu bewegen, selbst in dieser Lage etwas Positives anzusto\u00dfen\u2026<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Eine gro\u00dfe Zahl von Menschen engagierte sich auf den Stra\u00dfen, lebte demokratische Grundrechte, und musste sich von manchen sogar daf\u00fcr beschimpfen lassen. Ihr Engagement findet weit weniger Geh\u00f6r als randalierende Treckerfahrer. Selbst die gro\u00dfe Welle von Menschen, die seit dem Ende der Ampel-Koalition in Parteien eintraten, blieb eine verwunderte Randnotiz. Eine Schande; liegt darin doch eigentlich ein Zeichen f\u00fcr die feste demokratische <strong>Grundhaltung <\/strong>der gro\u00dfen Mehrheit. Ihr Mut und ihre Kraft d\u00fcrfen nicht schwinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenige wissen vielleicht, dass ich Ende der 90er politisch aktiv wurde, weil die DVU in den Kieler Landtag einzog. Bis in die 2000er brachte ich mich <strong>auf allen politischen Ebenen<\/strong> in einer Partei ein, die ihren sozialliberalen Geist mittlerweile zusammen mit den gro\u00dfen Verteidigern von Zivilgesellschaft und B\u00fcrgerrechten wie Gerhart Baum begraben hat. Was ich darin \u00fcber interne Parteipolitik lernte \u2013 und im \u00dcbrigen auch bei Engagierten anderer Parteien mitbekam \u2013 schreckt mich bis heute von einem erneuten Betreten dieses Pfades ab. Und doch lie\u00dfen mich die letzten drei Jahre immer unruhiger werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Engagement f\u00fcr eine freiheitliche demokratische Gesellschaft gibt es aber auch in anderen Facetten. Deshalb habe ich es als zentralen <strong>Auftrag <\/strong>vom Studium bis heute sehr ernst genommen, eine gesellschaftsorientierte, involvierte Geschichtswissenschaft aktiv zu betreiben, gerade weil ich Historiker bin. An der Universit\u00e4t Hamburg baute ich die Public History mit auf, richtete ein GameLab ein und eine umfangreiche Games-Bibliothek, die \u201eLudothek\u201c. F\u00fcr mich einer der wichtigsten Aspekte daran war aber die <a href=\"https:\/\/www.geschichte.uni-hamburg.de\/arbeitsbereiche\/public-history\/projekte\/projektarchiv\/aggames-info.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">AG History Matters<\/a> \u2013 eine au\u00dfercurriculare Gemeinschaft, um Geschichte und Games zusammenzubringen, Analyse, Theorie und Methodik weiterzuentwickeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Hierarchiearm, freiwillig, au\u00dferhalb fester Lehrformen und interdisziplin\u00e4r kamen darin 2013 bis 2017 Studierende und Forschende zu historischen Themen bei digitalen Spielen zusammen. Games-Entwickler stellten ihre Projekte zur Debatte, wie sie innovativ mit Geschichte umgingen. Die AG zog \u00fcberregionale G\u00e4ste an, teils sogar aus den Niederlanden oder Sydney. So schuf die AG ein fruchtbares Klima, in dem Wissenschaft, Gesellschaft, Technologie und Wirtschaft in produktiven <strong>Austausch<\/strong> kamen. Dabei ging es nicht selten um wirklich schwierige Themen wie den Horror des Grabenkriegs in Shootern, koloniale Prinzipien in Strategiespielen oder Darstellungsweisen des Holocaust. Es entstand ein offener und fundierter Diskurs \u00fcber methodische und technische Machbarkeiten und Grenzen, der den gesellschaftlichen Beitrag von Geschichte in digitalen Spielen ausleuchtete.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Besuch kam schlie\u00dflich Daniel Giere, der seine mittlerweile wegweisende Dissertation zu didaktischen Fragen vorstellte. F\u00fcr seine <strong>Initiative <\/strong>bin ich ihm dankbar, zusammen mit mir und Tobias Winnerling 2015 zu einer Konferenz nach Hannover einzuladen. 10 Jahre ist es jetzt her. Sie f\u00fchrt den Stand und die Perspektiven der jungen geschichtswissenschaftlichen Game Studies zusammen. Schon damals ohne etablierte Professor:innen. Die Teilnehmenden erarbeiteten konzentriert ein Manifest, f\u00fcr welche Fragestellungen, Methoden und Perspektiven sich die Geschichtswissenschaft bei digitalen Spielen \u00f6ffnen sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Gemeinsam gr\u00fcndeten wir den <a href=\"https:\/\/gespielt.hypotheses.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Arbeitskreis Geschichtswissenschaft und Digitale Spiele (AKGWDS)<\/a>. Er wuchs stetig \u00fcber die nachfolgenden Jahre und entwickelte einen \u00e4hnlichen Geist wie die AG History Matters: den einer Interessenvertretung, als Netzwerk f\u00fcr Nachwuchs in der Geschichtswissenschaft, als vereinende Ideenschmiede und interdisziplin\u00e4rer Ansprechpartner innerhalb der Wissenschaft, dar\u00fcber hinaus aber eben auch f\u00fcr Institutionen, Stiftungen, Games-Entwickler, Youtuber und Journalist:innen. Viele Projekte in Bildung, Wissenschaft und Wirtschaft profitierten massiv von diesem zugewandten Geist unter Historiker:innen f\u00fcr die Welt der digitalen Spiele.<\/p>\n\n\n\n<p>Leider \u2013 und ich mache aus meinem tiefen Bedauern keinen Hehl \u2013 konnte ich nicht mehr gen\u00fcgend Unterst\u00fctzung f\u00fcr den Charakter einer Interessengemeinschaft mobilisieren. Das ist pers\u00f6nlich entt\u00e4uschend, denn so folgte eine Abkehr von der pr\u00e4genden Wirkung auf Bildungswesen, Gesellschaft und Wirtschaft. Heute wirkt der AKGWDS vorwiegend nach innen auf die akademische Vernetzung der eigenen Mitglieder und ihre Sichtbarkeit. Beliebig <strong>umfirmiert <\/strong>auf alle Geisteswissenschaften ist Geschichte darin nur noch eine Randerscheinung. Durch die Vielfalt der behandelten Disziplinen mangelt es an gegenseitiger theoriefester Kritikf\u00e4higkeit. Ohnehin fremdle ich damit, dass unter einer v\u00f6llig unver\u00e4nderten \u00e4u\u00dferen Marke eine g\u00e4nzlich ver\u00e4nderte Zielsetzung vorangetrieben wird<\/p>\n\n\n\n<p>Aus diesen Gr\u00fcnden (und wegen der begrenzten Verl\u00e4sslichkeit von Professoren und Fakult\u00e4ten) brach ich schmerzhaft mit der universit\u00e4ren Welt. Das Sozialp\u00e4dagogische Fortbildungszentrum (SPFZ) in der Hamburger Sozialbeh\u00f6rde bot mir seit 2022 als neue reizvolle Aufgabe, <a href=\"https:\/\/www.hamburg.de\/politik-und-verwaltung\/behoerden\/sozialbehoerde\/einrichtungen\/spfz\/fortbildungsreihe-triple-a-okja-31038\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">ein Qualifizierungsprogramm zu digitalen Medienkompetenzen f\u00fcr Fachkr\u00e4fte der Kinder- und Jugendarbeit zu entwickeln<\/a>. Nur auf den ersten Blick hat das nichts mit historischen Inhalten und geschichtswissenschaftlicher Methodik zu tun. Fragen von Herkunft und Identit\u00e4t, Krieg und Nation, Muslimfeindlichkeit und Antisemitismus ber\u00fchren die <strong>Lebenswelten <\/strong>der Jugendlichen und die T\u00e4tigkeiten der Fachkr\u00e4fte der Sozialen Arbeit gerade durch digitale Technologien wie Social Media, Messenger-Dienste und digitale Spiele als Transmissionsriemen. Historisches Denken kann ein Hilfsmittel sein, um gesellschaftliche Zust\u00e4nde und die Wirkung digitaler medialer Werkzeuge darauf f\u00fcr Fachkr\u00e4fte und Jugendliche zu entschl\u00fcsseln.<\/p>\n\n\n\n<p>Je mehr also alles im Land und global aus den Fugen ger\u00e4t, umso st\u00e4rker w\u00e4chst mein Drang, mich mit dieser Haltung wieder st\u00e4rker f\u00fcr eine Interessengemeinschaft der Geschichtswissenschaft einzubringen. Diese <strong>Haltung <\/strong>f\u00fcr eine aktive gesellschaftsorientierte und \u00f6ffentlichkeitwirksame Geschichtswissenschaft bietet der Verein Open History e.V., in dem ich vor Jahren Mitglied wurde und noch vor der Pandemie das HistoCamp in Berlin mitorganisierte. Mir ist ein Anliegen &#8211; nun im Vorstand &#8211; die gro\u00dfartige Idee des HistoCamp neu zu entfachen. Es war und es soll wieder ein Barcamp f\u00fcr die zahlreichen Akteure innerhalb der oben genannten Gruppen werden, die in ihren Arbeitsfeldern mit Geschichte umgehen, und sich innovativ fragen, wie sie die Gesellschaft damit zu einem besseren Ort machen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Histocamps brachten daf\u00fcr viele kluge und bewundernswerte Menschen zusammen. Ihre Perspektiven bereicherten sich gegenseitig jenseits akademischer, schulischer, wirtschaftlicher oder journalistischer Tellerr\u00e4nder. H\u00e4ufig noch lange danach unterst\u00fctzten sie einander fachlich und f\u00f6rderten sich. Freudig begegneten sie sich auf dem n\u00e4chsten Barcamp wieder. Sie stie\u00dfen Projekte an und bauten teils sogar wirtschaftlich darauf auf. Das ist, was Open History leisten kann \u2013 und das ist, was diese <strong>Zeiten <\/strong>dringender denn je brauchen. Und damit kn\u00fcpfe meine pers\u00f6nlichen F\u00e4den der Haltung wieder daran an \u2013 in der Hoffnung, dass es einen Unterschied macht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mir ist nach ein paar pers\u00f6nlichen Worten! Die internationale Lage und der j\u00fcngste Wahlkampf haben mich wie so viele andere ausgezehrt. Die Wahlen zum Bundestag sind Geschichte, ihr Ergebnis in mancher Hinsicht historisch. Und das auf die unangenehme Art, so wie der Bruch der Nachkriegsordnung hin zu einem imperialen Gro\u00dfmachtgerangel. Gerade deshalb ist keine Zeit, um nachzulassen. Denn die kommende, harte Durststrecke f\u00fcr eine historisch-politisch aufgekl\u00e4rte Gesellschaft beginnt mit diesen Epochenbr\u00fcchen gerade erst. Versuchen wir aus dem Misthaufen D\u00fcnger zu machen: Ich engagiere mich seit Januar 2025 st\u00e4rker im Verein Open History e.V. Als stellvertretender Vorsitzender in den Vorstand gew\u00e4hlt, versuche ich meinen Teil beizutragen, um die Kr\u00e4fte f\u00fcr ein neues HistoCamp zu b\u00fcndeln. (Bastion Netzwerk, Passion Geschichte \u2013 oder umgekehrt? Open History Blog, 21.2.2025). Denn darin sehe ich den Beitrag, den ich zum Ausweg leisten kann. Damit zieht sich ein roter Faden durch eine lange w\u00e4hrende pers\u00f6nliche Haltung. Vielleicht kann ich andere mit diesem Beitrag dazu bewegen, selbst in dieser Lage etwas Positives anzusto\u00dfen\u2026<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1116,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[487,45,697,696,695,699,698,141,694],"class_list":["post-1115","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ineigenersache","tag-demokratie","tag-geschichte","tag-geschichtskultur","tag-grundordnung","tag-haltung","tag-histocamp","tag-open-history","tag-public-history","tag-zeitenwende"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1115","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1115"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1115\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1145,"href":"https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1115\/revisions\/1145"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1116"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1115"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1115"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1115"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}