{"id":1084,"date":"2024-10-02T19:00:00","date_gmt":"2024-10-02T17:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/niconolden.de\/person\/?p=1084"},"modified":"2024-10-20T15:42:48","modified_gmt":"2024-10-20T13:42:48","slug":"polnisch-deutsche-erinnerungskultur-in-digitalen-spielen-podiumsdiskussion-csm-berlin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/niconolden.de\/person\/2024\/10\/02\/polnisch-deutsche-erinnerungskultur-in-digitalen-spielen-podiumsdiskussion-csm-berlin\/","title":{"rendered":"Polnisch-deutsche Erinnerungskultur in digitalen Spielen &#8211; Podiumsdiskussion, CSM Berlin"},"content":{"rendered":"\n<p>Mit einer <strong>Podiumsdiskussion <\/strong>er\u00f6ffnete das <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.computerspielemuseum.de\/\" target=\"_blank\">Computerspielemuseum (CSM) Berlin<\/a> am 2. Oktober 2024 die aktuelle Sonderausstellung. Zusammen mit dem <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.auswaertiges-amt.de\/de\" target=\"_blank\">Ausw\u00e4rtigen Amt<\/a> und dem polnischen <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/eng.ipn.gov.pl\/en\" target=\"_blank\">Institut f\u00fcr Nationale Erinnerung<\/a> diskutierte ich auf dem Podium \u00fcber die Initiativen aus Polen mit digitalen Spielen sowie die Gameskultur zum Weltkriegsgedenken. Dazu gibt es ja schon ein breites Spektrum an Beispielen aus einer aktiven kommerziellen Entwicklerszene &#8211; nun pr\u00e4sentierten die Aussteller auch <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/bnt.ipn.gov.pl\/en\/\" target=\"_blank\">ihre aufw\u00e4ndigen Beitr\u00e4ge als staatliche polnische Bildungsinitiative<\/a>. Und es gibt einiges dazu zu sagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wanderausstellung gastiert im CSM durch die Zusammenarbeit mit dem polnischen <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/eng.ipn.gov.pl\/en\" target=\"_blank\">Institut f\u00fcr Nationales Gedenken (IPN Instytut Pami\u0119ci Narodowej<\/a>). Adrianna Paradowska, stellvertretende Leiterin der <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/bnt.ipn.gov.pl\/en\/\" target=\"_blank\">Abteilung Neue Technologien<\/a>, und Dr. Filip Ga\u0144czak, zust\u00e4ndiger Historiker des IPN, sowie Dimo Boehme als Vertreter des<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.auswaertiges-amt.de\/de\" target=\"_blank\"> Ausw\u00e4rtigen Amtes<\/a> und ich als Public Historian besprachen auf dem Podium die interaktive <strong>Wanderausstellung<\/strong>. Wir diskutierten das bilaterale Verh\u00e4ltnis und die Rolle der Geschichte, die gezeigten Computerspielprojekte zum Zweiten Weltkrieg und unterschiedliche Methoden des Umgangs. Diesen Darstellungsformen stellte ich zahlreiche kommerzielle Beispiele gegen\u00fcber, die ein weites methodisches Spektrum illustrieren &#8211; und zwar auf polnischer wie auf deutscher Seite. Moderiert wurde der Abend von Martin G\u00f6rlich, dem Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des CSM. Die polnischen Partner stellten eine bilinguale simultane \u00dcbersetzung bereit &#8211; bemerkenswert und lobenswert.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignright size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/241002-CSM-Kachel-Webseite.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1096\" width=\"360\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/241002-CSM-Kachel-Webseite.jpg 720w, https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/241002-CSM-Kachel-Webseite-300x300.jpg 300w, https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/241002-CSM-Kachel-Webseite-150x150.jpg 150w, https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/241002-CSM-Kachel-Webseite-75x75.jpg 75w\" sizes=\"auto, (max-width: 360px) 100vw, 360px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">F\u00fchrt die Dauerausstellung des CSM durch die Geschichte von Hard- und Softwarekultur, so runden thematisch wechselnde Sonderausstellungen das historische Bild ab. (Screenshot Webseite, nol.)<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Die Aktivit\u00e4ten des IPN f\u00fcr eine bewusste nationale Geschichtspolitik in Polen sind nicht nur dort umstritten. Auch ich muss kritisch anmerken, dass oft soldatische, k\u00e4mpferische Heldenmythen im Vordergrund stehen. Damit ist die <strong>Spannweite methodischer Zug\u00e4nge<\/strong> durch Spielmechaniken auf Geschichte entsprechend verengt. Insbesondere rechtskonservativen, nationalistischen Kreisen dienen solche Narrative gern zu patriotischer Verehrung, weniger zu bildenden Zwecken wie der Aufkl\u00e4rung \u00fcber historische Zusammenh\u00e4nge oder mahnendem Gedenken. Auf der anderen Seite sieht Polen zurecht wichtige Aspekte der eigenen Geschichte im europ\u00e4ischen Diskurs unterrepr\u00e4sentiert. Daf\u00fcr, dass Polen und Deutschland eine so wichtige europ\u00e4ische Achse bilden, bleibt die Geschichte unserer polnischen Nachbarn in der deutschen Erinnerungskultur und schulischen Lehrpl\u00e4nen erheblich unterrepr\u00e4sentiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die im CSM ausgestellten <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/store.steampowered.com\/franchise\/IPN\" target=\"_blank\">Spiele des IPN sind kostenlos auf der Distributionsplattform Steam<\/a> zu finden. Eines behandelt den Warschauer Auftstand mit <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/bnt.ipn.gov.pl\/en\/projects\/games\/warsaw-rising\/\" target=\"_blank\">&#8222;Warsaw Rising: City of Heroes&#8220;<\/a>, das die Version des 2019 erschienen Taktikspiels &#8222;Warsaw&#8220; substantiell ver\u00e4ndert. <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.stiftung-digitale-spielekultur.de\/spiele-erinnerungskultur\/warsaw-rising-stadt-der-helden\/\" target=\"_blank\">Dr. Hannes Burkhardt weist in der Datenbank &#8222;Games und Erinnerungskultur&#8220; der Stiftung digitale Spielekultur<\/a> zwar im <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.stiftung-digitale-spielekultur.de\/spiele-erinnerungskultur\/warsaw\/\" target=\"_blank\">Vergleich mit dem Ursprungsspiel<\/a> auf die \u00c4nderungen hin, erl\u00e4utert sie jedoch nicht n\u00e4her. Ohne hier ins Detail gehen zu k\u00f6nnen, ist mir doch <strong>f\u00fcr den polnisch-deutschen Austausch ein differenzierter Blick<\/strong> wichtig: Die aktualisierte Variante bereitet den chronologisch exakten Verlauf narrativ linear auf. F\u00fcr den Schulunterricht mag das auf den ersten Blick als kluge Entscheidung erscheinen. Durch die Linearit\u00e4t \u00e4ndert sich jedoch die historische Aussage. Die urspr\u00fcngliche Spielversion besa\u00df einen \u00fcbergeordneten Management-Anteil, in dem Spielende die Ressourcen des Widerstands auf die Stadtteile Warschaus verteilen mussten. So ergab sich nicht nur ein wohl\u00fcberlegter R\u00fcckzugskampf, die Dauer war auch nicht auf die 63 Tage des Aufstands festgelegt. Daraus lie\u00dfen sich die moralische Unterst\u00fctzung aus den Stadtteilen und die historische Ungewissheit des Ausgangs nachempfinden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-style-default\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/241002-CSM-Warsaw-Edition-2020-1280x720px-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1094\" srcset=\"https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/241002-CSM-Warsaw-Edition-2020-1280x720px-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/241002-CSM-Warsaw-Edition-2020-1280x720px-300x169.jpg 300w, https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/241002-CSM-Warsaw-Edition-2020-1280x720px-768x432.jpg 768w, https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/241002-CSM-Warsaw-Edition-2020-1280x720px-1140x641.jpg 1140w, https:\/\/niconolden.de\/person\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/241002-CSM-Warsaw-Edition-2020-1280x720px.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">\u00c4ndert sich diese Taktische Ebene auch nicht, so folgen doch die \u00fcbergeordneten Spielmechaniken in der neuen Version anderen Methoden und \u00e4ndern so die historischen Aussagen. (eigener Screenshot, nol., Warsaw 2020)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Als zweites <strong>Angebot <\/strong>thematisiert <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/bnt.ipn.gov.pl\/en\/projects\/games\/aviators\/\" target=\"_blank\">&#8222;Aviators&#8220;<\/a> als 3D-Actionspiel die teils erstaunlichen Leistungen polnischer Piloten und Pilotinnen, die ihre Heimat erst von Frankreich, dann von England aus unterst\u00fctzten. <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/bnt.ipn.gov.pl\/en\/projects\/games\/cyphers-game\/\" target=\"_blank\">&#8222;Cypher&#8220;<\/a> handelt drittens dagegen von den kriegsentscheidenden Dechiffrierungen und Panzerz\u00fcgen im polnisch-sowjetischen Krieg 1919-1921. Bei ihnen allen sind die methodischen Wirkungen der Spielmechaniken auf die dargestellte Geschichte als Inhalt f\u00fcr Spielende nicht selbstt\u00e4tig und allein zu entschl\u00fcsseln. <\/p>\n\n\n\n<p>Die <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/bnt.ipn.gov.pl\/en\/projects\/materials-for-teachers\/educational-materials\/\" target=\"_blank\">zugeh\u00f6rigen Lehrmaterialien bietet das IPN auf der Webseite frei<\/a> an, bislang aber nur auf Polnisch und Englisch. Sie werfen zudem viele methodische Fragen auf, m\u00fcsste der <strong>Unterricht<\/strong>sablauf die Spiele doch f\u00fcr einen sinnvollen Einsatz zentraler einbinden. Aktuell adressieren sie vor allem das polnische Kerncurriculum. Das polnische soldatische Heldentum bewusster zu machen, ist sicherlich methodisch nicht unproblematisch in einem Geschichtsunterricht. Ein solcher Zugang w\u00e4re im deutschen Geschichtsunterricht wohl in keinem Bundesland zu vermitteln. Letztlich m\u00fcssten aber deutsche Geschichtsdidaktiker er\u00f6rtern, wo diese Spiele an das deutsche Geschichtscurriculum andockbar w\u00e4ren &#8211; und wie methodisch heranzugehen w\u00e4re. Vielleicht auch durch den Vergleich von polnischen und deutschen Unterrichtstraditionen. Die Diskussion dar\u00fcber erscheint mir jedenfalls sehr wertvoll.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4hnlich wie bei der <a href=\"https:\/\/niconolden.de\/person\/2023\/10\/09\/serious-games-und-das-erinnern-an-den-ns-terror-pilecki-institut-berlin\/\">Veranstaltung &#8222;Serious Games und das Erinnern an den NS-Terror&#8220; mit dem Pilecki-Institut in Berlin im Oktober 2023<\/a> (Video dort verlinkt) habe ich mich deshalb auch hier gern einem offenen polnisch-deutschen Diskurs gestellt. Im Gespr\u00e4ch steuerte ich methodische <strong>Perspektiven <\/strong>eines Public Historians zu den vorgestellen Spielen bei und von vielen weiteren, auch kommerziellen Titeln. Die beiden Vertreter:innen des IPN konnten ihre Sicht darauf darstellen, wie sie versuchen, mit digitalen Spiele als Mitteln des Geschichtstransfers f\u00fcr Bildungszwecke zu experimentieren. Au\u00dferdem spannend: In der Planung &#8211; vorbehaltlich der Haushaltsverhandlungen im Sejm &#8211; befinden sich Spiele, in denen die polnische Nachkriegszeit bis 1989 behandeln wird. Der Dialog \u00fcber die Anwendung digitaler Spiele als Teil der Erinnerungskulturen erscheint mir wesentlich f\u00fcr den Austausch zwischen Deutschen und Polen. Dabei sollten nicht nur Sch\u00fcler:innen und Sch\u00fcler im Blick stehen. Und er k\u00f6nnte ruhig h\u00e4ufiger stattfinden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit einer Podiumsdiskussion er\u00f6ffnete das Computerspielemuseum (CSM) Berlin am 2. Oktober 2024 die aktuelle Sonderausstellung. 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Insbesondere rechtskonservativen, nationalistischen Kreisen dienen solche Narrative gern zu patriotischer Verehrung, weniger zu bildenden Zwecken wie der Aufkl\u00e4rung \u00fcber historische Zusammenh\u00e4nge oder mahnendem Gedenken. Auf der anderen Seite sieht Polen zurecht wichtige Aspekte der eigenen Geschichte im europ\u00e4ischen Diskurs unterrepr\u00e4sentiert. Daf\u00fcr, dass Polen und Deutschland eine so wichtige europ\u00e4ische Achse bilden, bleibt die Geschichte unserer polnischen Nachbarn in der deutschen Erinnerungskultur und schulischen Lehrpl\u00e4nen erheblich unterrepr\u00e4sentiert. Die im CSM ausgestellten Spiele des IPN sind kostenlos auf der Distributionsplattform Steam zu finden. Eines behandelt den Warschauer Auftstand mit &#8222;Warsaw Rising: City of Heroes&#8220;, das die Version des 2019 erschienen Taktikspiels &#8222;Warsaw&#8220; substantiell ver\u00e4ndert. 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Daraus lie\u00dfen sich die moralische Unterst\u00fctzung aus den Stadtteilen und die historische Ungewissheit des Ausgangs nachempfinden. Als zweites Angebot thematisiert &#8222;Aviators&#8220; als 3D-Actionspiel die teils erstaunlichen Leistungen polnischer Piloten und Pilotinnen, die ihre Heimat erst von Frankreich, dann von England aus unterst\u00fctzten. &#8222;Cypher&#8220; handelt drittens dagegen von den kriegsentscheidenden Dechiffrierungen und Panzerz\u00fcgen im polnisch-sowjetischen Krieg 1919-1921. Bei ihnen allen sind die methodischen Wirkungen der Spielmechaniken auf die dargestellte Geschichte als Inhalt f\u00fcr Spielende nicht selbstt\u00e4tig und allein zu entschl\u00fcsseln. Die zugeh\u00f6rigen Lehrmaterialien bietet das IPN auf der Webseite frei an, bislang aber nur auf Polnisch und Englisch. Sie werfen zudem viele methodische Fragen auf, m\u00fcsste der Unterrichtsablauf die Spiele doch f\u00fcr einen sinnvollen Einsatz zentraler einbinden. 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Im Gespr\u00e4ch steuerte ich methodische Perspektiven eines Public Historians zu den vorgestellen Spielen bei und von vielen weiteren, auch kommerziellen Titeln. Die beiden Vertreter:innen des IPN konnten ihre Sicht darauf darstellen, wie sie versuchen, mit digitalen Spiele als Mitteln des Geschichtstransfers f\u00fcr Bildungszwecke zu experimentieren. Au\u00dferdem spannend: In der Planung &#8211; vorbehaltlich der Haushaltsverhandlungen im Sejm &#8211; befinden sich Spiele, in denen die polnische Nachkriegszeit bis 1989 behandeln wird. Der Dialog \u00fcber die Anwendung digitaler Spiele als Teil der Erinnerungskulturen erscheint mir wesentlich f\u00fcr den Austausch zwischen Deutschen und Polen. Dabei sollten nicht nur Sch\u00fcler:innen und Sch\u00fcler im Blick stehen. 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